Montag, 22. November 2010

Ich liebe dich!


Den Sprachforscher aus einem anderen Universum würde es mit Sicherheit stutzig machen: Etwas so Wichtiges wie die Liebe ist auf dieser Erde mit wenigen Worten überzeugend auszudrücken: Ich liebe
dich! Drei Worte nur und doch unmissverständlich, wie es scheint. Hätten sie sich sonst so lange halten können? Subjekt, Prädikat, Objekt und alles ist ausgedrückt. Nur eine Spezies, die nicht viel Zeit hat,
bedient sich einer so kurzen Formulierung. Ein Abstecher in die Politik verdeutlicht schnell, dass hier eine Besonderheit vorliegt. In der Politik geht es um wichtige Dinge des Allgemeinwohls. Darüber hinaus sind politische Probleme in ihrer Struktur wesentlich einfacher als die Liebe. Und doch, wie viele Worte benötigt ein Politiker, um seine Mitbürger von einfachen Sachverhalten zu überzeugen?! Bei dem viel komplexeren Thema Liebe genügen dagegen drei Worte: Ich liebe dich! Langsam und ausdrucksvoll gesprochen, benötigt man für die drei Worte maximal 2,4 Sekunden. Länger ausgedehnt, können sie leicht lächerlich wirken. Schnell und hastig gesprochen, benötigt man nur 0,45 Sekunden. Liegt hier vielleicht
der Erfolg dieser knappen Formulierung? 0,45 Sekunden – eine ausreichende Zeitspanne, einer hastig vorübereilenden Angebeteten zuzurufen: „Ich liebe dich!“
Ich will allerdings nicht verheimlichen, dass man diesen Satz auch erweitern kann. Die Frage ist, ob er dabei an Ausdruckskraft gewinnt. Ich habe einmal ein wenig in der Literatur geblättert und fand bei Karl Ferdinand Gutzkow in seinem Roman „Ritter vom Geiste“ eine besonders
romantische Form der Erweiterung. Da heißt es: „Ich liebe dich himmlischer Weihegruß reiner Seelen Glockenakkord der Andacht und Harfenton der reinsten Anbetung.“ Donnerwetter, darauf muss man erst einmal kommen, aber das würde wohl heute niemanden mehr vom Hocker reißen. Ein schöner Beweis, dass zu viel des Guten schädlich ist! Da kann man schon eher
verstehen, wenn manch einem die schlichte Feststellung „Ich liebe dich!“ nicht reicht und er deshalb noch ein Wort hinzufügt: „Ich liebe dich sehr!“, selbst wenn das Wort „sehr“ völlig überflüssig ist. Aber es gibt auch Liebende, die große Schwierigkeiten haben, ihre Liebe überhaupt zu formulieren. Auch ihnen reicht es nicht, „Ich liebe dich!“ zu sagen, denn dieser Satz ist ihnen nicht ausdrucksstark genug. Sie dokumentieren das dann mit der Feststellung: „Ich liebe dich unaussprechlich!“,
was natürlich ein Widerspruch in sich ist. Sie lieben, können es nicht aussprechen und tun es doch.
Andere wiederum sind sich der Glaubwürdigkeit ihrer Liebe so sicher, dass sie meinen: „Ach, ich liebe dich doch mehr, als du mich!“ Vielleicht sind sie der Meinung, es sei irgendwie sportlich, den Anderen in der Intensität zu übertrumpfen. Bei Jean Paul im „Titan“ lese ich
die Aussage einer Frau (der Fürstin): „Ich liebe dich, aber anders und ewig!“ Eine solche Aussage kann nur eine Frau machen! Frauen lieben es, sich in einen mystischen Gefühlsnebel einzuhüllen. Es bleibt offen, wie sie liebt, eben nur anders, und sie hat einen
seltsamen Begriff von der Ewigkeit und nimmt es mit dieser nicht so genau. Eine weitere Variante: „Ich liebe dich mit Schmerzen!“ Hier handelt es sich wohl darum, dass eine Liebe nicht erwidert wird und der Liebende sich in Selbstmitleid ergeht. Er oder sie, die sich für wertvoll halten, geliebt zu werden, werden abgelehnt, nicht für gut genug, nicht als geeignet befunden. Das schmerzt! Tragisch sind auch Fälle, wo er oder sie den ersehnten Satz „Ich liebe dich!“ zu hören bekommen, aber immer noch nicht zufrieden sind, weil sie genau wissen wollen, was an ihnen geliebt wird und warum. Ist es der Körper, sind es die Augen, ist es der Blick, ist es die Stimme, ist es die Seele? Und wehe dem, der sich
auf eine solche Detailanalyse einlässt, denn keiner kann voraussehen, welches Liebesargument der Partner wirklich hören will und am Ende akzeptiert!
Bei einer Frau ist es beispielsweise nicht besonders sinnvoll, sich nur auf ihre Schönheit zu konzentrieren, denn sie weiß genau, dass diese nicht ewig besteht. Ihre Seele könnte eine gute Wahl sein, ganz besonders, weil niemand genau sagen kann, was das ist. Will man über
die Glaubhaftigkeit der Liebe etwas äußern, was zuverlässig ankommt, dann ist der Satz „Ich liebe dich wie mein Leben!“ recht überzeugend. Jeder weiß im tiefen Inneren, wie egoistisch man sich selbst liebt, und der Andere kann sich anschaulich ein Bild über die Intensität der Liebe seines Partners machen.
Zu guter Letzt lese ich bei Johann Karl Wezel in seinem Roman „Hermann und Ulrike“ den Satz: „Ich liebe dich, dass ich mich vor mir selber fürchte!“ Das ist mir auf jeden Fall zu viel des Guten. Vor dieser Art Liebe würde ich mich ebenfalls fürchten und, wie man so schön
sagt, ganz schnell die Kurve kratzen! Kehren wir zurück zu unserer Kurzfassung: „Ich liebe dich!“ Eine
grammatikalische Analyse des Satzes gibt uns auch keine Aufklärung darüber, warum dieser so wirkungsvoll ist. Die Satzstellung gibt uns zu verstehen, dass A B liebt. Soweit, so gut, aber was ist Liebe? Ich schlage im Lexikon nach. Bleiben Sie sitzen, ich erledige das für Sie! Bereits ein flüchtiger Blick ins Lexikon lässt mich erkennen, dass vor mir schon viele kluge Leute über dieses Thema nachgedacht haben, und zwar erfolgreich. Denen ist sogar aufgefallen, dass es außer der Liebe zu einer Person anderen Geschlechts auch noch viele andere Deutungen dieses Wortes gibt. Nun, darauf möchte ich mich hier nicht einlassen, ich werde bei der Liebe zum anderen Geschlecht bleiben. Auch möchte ich das Lexikon nicht direkt zitieren, sondern aus dem
Gedächtnis rekapitulieren. Warum ich dies tue?
Die Informationen des Lexikons sind mir zu umfangreich, ich muss das Wesentliche herausfiltern. Ich benutze dazu mein Gedächtnis. Das ist allerdings so schlecht, dass uns mit Sicherheit nur das Unwesentliche
erhalten bleibt. Also: Die Liebe ist eine starke Zuneigung, ein geschlechtsgebundenes, starkes Gefühl des Hingezogenseins. Da steht wirklich „geschlechtsgebunden“, aber nicht, welches Geschlecht an welches Geschlecht gebunden ist. Das spielt demnach keine Rolle. Also noch einmal: Die Liebe ist eine starke Zuneigung, ein geschlechtsgebundenes,
starkes Gefühl des Hingezogenseins. An dieser Definition fällt auf, dass sehr viel Gefühl im Spiel ist: Zuneigung, Hingezogensein alles unscharfe Worte, die die Stärke der Wirkung des Satzes „Ich liebe dich!“ auch nicht verständlicher machen. Sollte der besondere
Effekt darin liegen, dass er so selten gesagt wird?
Besonders intelligente Männer und Frauen oder solche, die dafür gehalten werden wollen, weigern sich, diesen Satz auszusprechen. (Vielleicht haben Sie das selbst schon erlebt.) Sie scheuen sich, in der althergebrachten Art und Weise „Ich liebe dich!“ zu sagen. Stattdessen
bemühen sie sich, in blumiger, poetischer, geistreicher Weise Komplimente zu machen, und müssen dabei feststellen, dass sie ihre Geliebte zwar gut unterhalten, aber nicht überzeugt haben. Hätten sie gesagt:
„Ich liebe dich!“, sie hätten sie überzeugt, wirklich!
Zurück zum Ausgangspunkt unserer Betrachtung, den Worten „Ich liebe dich!“ Ich meine, jetzt steht alles ganz plastisch vor uns: Eine von zwei Personen hat einen wahnsinnigen „Bock“ auf eine andere Person.
Um das verständlich zu machen, sagt sie: „Ich liebe dich!“ „Halt!“, höre ich da jemanden protestieren, jemanden, der meint, dass man heute so nicht miteinander redet. Ist das wirklich so? Hören wir dazu
einmal einen Lifemitschnitt: „Also, Puppe, du bist einfach Zucker, du bist eine Superwucht! Wenn ich dich sehe, geht bei mir die Beleuchtung aus. Wenn du neben mir sitzt, kriege ich einfach den Fuß nicht mehr vom Gas. So, wie auf dich, bin ich noch auf keine abgefahren,
ehrlich!“ Dabei sieht er sie an, dass man wirklich glauben könnte, was er sagt. Aber hat er sie überzeugt?
Hören Sie selbst: „Hör mal, Kleiner, mich interessiert es einen Dreck, ob ich Zucker bin, ob ich eine Wucht bin, was mit deiner verdammten Beleuchtung passiert oder warum du den Fuß nicht vom Gas kriegst.“ Und dann kommen ihr die Tränen in die Augen, sie wird leiser und
sagt: „Ich will nur eines wissen: Liebst du mich? Wenn ja, dann sag es gefälligst!“ Nun muss er Farbe bekennen, und was sagt dieses Raubein?
Es sagt: „Ich liebe dich!“ „Ich liebe dich!“ – eine Zauberformel, ein Eid, ein Bekenntnis, ein Schwur? Ich weiß es nicht, aber was immer es ist, es ist wirkungsvoll und überzeugend, auch heute noch!

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