Sonntag, 14. November 2010

Über das alt werden

Für diejenigen, die fest entschlossen sind alt zu werden oder die Statistik Lügen strafen wollen, einige Hinweise, worauf sie sich eventuell einstellen dürfen. Es ist immer gut zu wissen, was auf einen zukommen kann. Ich sagte kann, es muss nicht. Es gibt ein paar Glückliche unter dem Sternenhimmel, die bis zum Ende unbeschadet davonkommen und mit einem Lächeln in den Sarg steigen.
Ich versuche einmal zusammenzustellen, was das Unangenehmste am Altwerden ist.
Natürlich ist es grundsätzlich die zunehmend nachlassende Leistungsfähigkeit; oder gar die Behinderung Es gibt nur wenige, die das Glück haben bis ins hohe Alter sich ihrer physischen und geistigen Fähigkeiten bedienen zu können.
Nimm es locker, wenn du die 10 km nicht mehr in einem Stück laufen kannst. Es sind so viele Kleinigkeiten die nerven, da ist die Schwerhörigkeit, die mit der Zeit dazu führt, dass man , ohne dass man sich dessen bewusst wird, immer mehr isoliert. Man meidet Gesellschaften, dort reden alle durcheinander, man versteht nicht, was der Partner sagt und bedient sich am Anfang noch verschiedener Tricks, indem man einfach nickt und so tut als hätte man alles verstanden. Man meidet möglichst eine konkrete Antwort, wenn eine Frage gestellt wurde, zuckt mit den Schultern; aber irgendwann muss man ein Bekenntnis ablegen und dann wird es manchmal unangenehm. Man gibt eine falsche Antwort, wenn nicht gar eine unsinnige Antwort und wenn man das mehrere Male gemacht hat, hat man immer mehr das Bedürfnis, sich gar nicht erst in solche Problemsituationen hinein zu begeben.
Sicherlich man kann im Gespräch schon ganz schön weit kommen, wenn man mit einem intelligenten
"aha" antwortet und das einfach so in der Luft stehen lässt. Aber wie gesagt, man trifft damit nicht immer ins Schwarze.
Jetzt wird man natürlich sagen, und sehr häufig hört man das als Ratschlag von jungen Leuten, da gibt es doch diese wunderbaren Hörgeräte, natürlich gibt es sie und man muss zugeben sie sind in vielen Fällen eine gute Hilfe, in vielen Fällen, aber längst nicht in allen. Sie sind immer noch nicht perfekt was zum Beispiel das Telefon-hören betrifft und spätestens, wenn wir uns solche Hörhilfen zulegen, merken wir mit Erstaunen wie gut das System unserer Ohren und unseres Verstehens funktioniert hat.
Mit gesunden Ohren sind wir durchaus in der Lage in einer großen Ansammlung von Menschen, wenn wir uns direkt unserem Partner zuwenden, zu verstehen was er sagt, weil unser Höhrsystem eine starke Richtwirkung entwickelt und in Zusammenarbeit mit unserem Gehirn die störenden Nebengeräusche ausgefiltert werden können. Das aber schaffen die Hörgeräte nicht, ist es sehr laut, so gelingt es ihnen nicht die lauten Geräusche des Umfeldes weg zu filtern (das Klirren von Geschirr). Dazu kommt noch, dass aus meiner Sicht das Prinzip doch ein wenig fragwürdig ist. Erst wird uns erzählt, wir holen uns einen Hörschaden weil wir zu laut hören, dann empfiehlt man uns die Hörgeräte und knallt uns im Innenrohr die Geräusche der Außenwelt und unserer Gesprächspartner mit verstärktem Geräuschpegel auf das Trommelfell.
Trägt man ein solches Gerät den ganzen Tag, oder zwei oder drei Tage, und nimmt es dann heraus, hat man das Gefühl, man ist taub.
Fazit; diese Geräte können nach meiner Meinung eine Hilfe sein in der ersten Übergangszeit beim Nachlassen der Hörempfindlichkeit, sind aber danach mit Vorsicht zu genießen. Ich habe auf diese Hörgeräte am Ende verzichtet und konnte sogar feststellen, dass das Gehirn, was die akustische Erkennung von Sprache betrifft, die Fähigkeit besitzt, bei verringertem Frequenzgang, eine höhere Erkennungsgenauigkeit zu entwickeln.

Die nächste Stufe ist das große Interesse des schwer hörenden, Zweiergesprächen in einem ruhigen Raum zu führen. Aber dieses Bedürfnis ist oft einseitig, denn der Gesprächspartner ist meistens besser drauf und liebt die Gesellschaft und ist eigentlich auch nicht der Mensch für ein Gespräch. Diejenigen, die zum Gespräch bereit sind, sind sehr häufig Plaudertaschen, die einem manchmal ganz schön auf die Nerven gehen. Also meidet man diese Typen und isoliert sich damit noch mehr.
Da ich gerade die Tendenz zur Vereinsamung erwähnt habe, möchte ich an dieser Stelle nicht versäumen, dass man sich beizeiten ein Hobby zulegt, dass gut geeignet ist damit alt zu werden. Es gibt zu viele Hobbys, als dass man grundsätzlich eine Empfehlung, welchem Hobby man sich zuwenden sollte, geben kann. Aber es ist wohl unbestreitbar, dass Hobbys , die man völlig autark betätigen kann, die geeignetsten sind.
Dann kommt das Problem, das meistens parallel zum schlecht Hören verläuft; man sieht nicht mehr so gut wie vorher, das Lesen wird erschwert, aber das lässt sich häufig noch sehr gut mit einer Brille bereinigen. Schließlich, wenn es sich um den grauen Star handelt, kann man eine neue Linse einsetzen lassen, das bringt erhebliche Erfolge.
Jetzt kommen wir zu dem sehr unangenehmen Problem, der nachlassenden Merkfähigkeit. Weil die Merkfähigkeit nachlässt, lässt danach dann auch der Ehrgeiz nach, das Erfahrene oder neu Gelernte zu behalten. Man filtert rigoros aus. Bei allem was man hört und erfährt , filtert man schon fast unbewusst, nach dem System; ist es für mich wichtig oder nicht, die Information immer strenger aus. Alles was unerheblich, ist wird weggelassen. Dann fängt man vielleicht an das Eine oder Andere aufzuschreiben, sammelt es irgendwo auf Zetteln, von denen man danach so viele hat, dass man zu faul ist sie alle durchzublättern um eine bestimmte, verloren gegangene Information zu suchen. Es gibt einige Systematiker die das Thema besser beherrschen und die Sache im Griff haben, aber gerade für die, die sich früher eigentlich nichts aufschreiben mussten und alles behalten konnten, wird die Sache besonders schwer. Sie glauben immer noch unbewusst, dass sie eine wichtige Information behalten. Wenn es darauf ankommt stellen sie fest, dass diese Information in ihrem Gedächtnis nicht mehr greifbar ist. Alles was sie davon behalten haben ist; ich weiß genau das wollte ich mir merken, dass ist dann aber alles. Ganz besonders unangenehm ist es, dass das jugendliche Umfeld in seiner Überheblichkeit, oft wenig Verständnis für die Schwächen hat, die das Alter mit sich bringt und diese Art von Vergesslichkeit, einer aufkommenden Blödigkeit zuschreiben. Kleine alberne, scherzhafte Sticheleien machen die Sache dann auch nicht leichter. Genauso unangenehm ist es aber oft auch, dem älteren Menschen mit einer vorgegebenen, verständnisvollen Betulichkeit, die ein hohes Maß an Senilität und Unmündigkeit unterstellt, entgegenzutreten.
Meistens glaubt man, der ältere Mensch merkt das nicht; er ist häufig viel zu tolerant geworden, als dass er sich dazu äußert. Nur die aggressiveren Typen reagieren auf eine solche Behandlung mit unbeherrschter Kampfeslust.
Ein trauriger Grund für die Vereinsamung älterer Menschen ist die Tatsache, dass die, die die statistische Altersgrenze überleben, erleben, das Menschen ihres Umfeldes, ihre Freunde und Verwandten, mit denen sie fast gleichaltrig aufgewachsen sind, vor ihnen sterben. Viele gute Freunde gehen, was die Vereinsamung verstärkt, ganz besonders dann, wenn Er oder Sie auch noch vorzeitig den Partner verloren haben.
Viele der von mir beschriebenen Altersleiden kann man letzten Endes doch noch als harmlos bezeichnen, wenn man bedenkt, dass uns im Alter weitaus gefährlichere Krankheiten befallen können, Krankheiten die unsere Existenz bedrohen. Nicht zu unterschätzen ist die häufig Männer befallende Neigung zur Depression. Sie fühlen sich nutzlos und sehen keine Perspektive für ihr Alter.
Gerade im Alter ist es besonders wichtig, sich einer regelmäßigen, ärztlichen Kontrolle zu unterwerfen. Auch müssen wir lernen, auf die Signale unseres Körpers zu achten und auch kleinen
"Wehwehchen" Beachtung schenken; sie können die Vorzeichen für eine Katastrophe sein.
Wie man all diese Defizite verkraftet, ist schließlich eine Frage der Persönlichkeit. Die Einen reagieren mit ständigen Klagen und Jammern, dass wollen die jüngeren schon gar nicht hören, die Anderen sind mit dem, was geschieht im Einverständnis mit der jeweiligen Situation und versuchen daraus das Beste zu machen. Und das ist durchaus möglich. Besonders wichtig ist es, dass in einer solchen Situation die paar Kontakte und Verbindungen, die zur Außenwelt bestehen, gepflegt werden. Wenn man die Hände in den Schoß legt und wartet, dass die Anderen auf einen zukommen, dann hat man schon verloren.
Wenn man nun aus dem geschriebenen folgert, das Alter sei nichts weiter als eine Qual, dann irrt man. Es ist durchaus möglich das Altern positiv zu erleben, wenn man die Dinge akzeptiert, wie sie sind.
Wenn wir mit dem Auto in eine unbekannte Umgebung fahren, dann hilft uns eine Landkarte, ein Plan, der uns den richtigen Weg weist. Auf die Art und Weise sind wir gewappnet und wissen im Voraus, was uns erwartet. Und so ist dieser kleine Beitrag zu verstehen, als eine Landkarte auf dem Weg zum Altern.

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