Die Wahlkampfdiskussionen der beiden Präsidentschaftskandidaten in Amerika haben mich darauf gebracht, mir Gedanken über den Stellenwert von "Erfahrung" zu machen. Senator McCain hat dieses Wort, den Begriff und seinen Wert in den Diskussionen immer für sich in Anspruch genommen, und das hat mich veranlasst einmal einiges nachzuschlagen über den Begriff Erfahrung, die Versuche einer Definition auch aus den verschiedensten Blickwinkeln der Wissenschaft. Und dabei wurde mir sofort klar, diese Art von Erfahrung wird McCain nicht meinen. Sie ist einfach viel zu abstrakt.
Kein Mensch, der in einem normalen Gespräch das Wort "Erfahrung" in den Mund nimmt, denkt an die Interpretationsbreite, vielmehr verwenden wir das Wort meistens nur als die Summe der Erkenntnisse unseres Lebens aus den Erfolgen und Misserfolgen unserer Handlungen. Und vorrangig geht es doch wohl darum sich im normalen Alltag des Berufsumfeldes in einem vertrauten Medium mit einer gewissen Routine zu bewegen. Dabei ist immer noch zu entscheiden, ob nur der als erfahren gelten kann, der mit einem "+" vor seiner Erfahrungssumme bestehen kann, oder auch genauso gut derjenige, der mit einem "-" aus dem Rennen hervorgeht.
Mir ist die Anwendung dieses Wortes ganz besonders in der amerikanischen Präsidentschafts- Kandidatendebatte suspekt. Was mir dabei grosse Sorgen macht, ist die Tatsache, dass ein Großteil der amerikanischen Bevölkerung positiv auf die Art der Erfahrungen Senator McCains anspricht (ich empfinde das als eine gewisse Bereitschaft der Amerikaner zur Aggression).
Er rühmt sich ein erfahrener Krieger zu sein, der mit Krisensituationen umgehen kann. Krieg wird aber selten mit den Waffen der Diplomatie geführt. Krieg ist der Einsatz des letzten Mittels, des Tötens und Zerstörens, der brutalen Gewalt. Und wenn man den Gegner dann noch mit List und Tücke überrumpelt, dann nennt man das Taktik und Senator McCain rühmt sich im Besitz dieser Art von Taktik zu sein. Wobei ich nicht einsehen will, was Erfahrungen aus Kampfsituationen, ganz besonders zurzeit einer weltweiten Finanzkrise, bringen sollen.
An dieser Stelle frage ich mich, was ich eigentlich vom Präsidenten eines Landes erwarte. Ich bin mir sehr wohl im klaren darüber, dass meine Erwartungen wirklichkeitsfremd erscheinen, wenn man in Betracht zieht, welche Persönlichkeiten wir heute tatsächlich in den Führungsetagen vorfinden. Ich meine aber man sollte die Anforderungen so hoch wie möglich stellen.
Logisch, ein bisschen Intelligenz soll er schon mitbringen, eine breite Palette Allgemeinwissen. Was ich aber für ganz besonders wichtig halte, ist Menschenkenntnis und die kluge psychologische Umsetzung seiner Menschenkenntnisse. Er kann unmöglich alles wissen was zur Führung eines Staates in seiner Komplexität nötig ist und braucht also Berater die klug und kenntnisreich loyal zu ihm stehen. Da ist ganz besonders seine Menschenkenntnis gefragt, die Speichellecker erkennen, die Postenjäger, die meinungslosen, unkritischen Jasager, die Lobbyisten.
Es ist nicht einfach in der heutigen Zeit in der oberen Postenliga Idealisten mit Rückgrat zu finden, die kenntnisreich zu ihrer Meinung stehen.
Der Präsident eines Landes, oder die Präsidentin, sollten zuhören können und in der Lage sein aus dem ihnen vermittelten Wissen und den Kenntnissen Anderer eine abgewogene Schlussfolgerung zu ziehen. Wer zuzuhören versteht, nicht mit zu vielen Erfahrungen vorbelastet ist, dem fällt es leichter neue Erkenntnisse zu akzeptieren, als jemandem der seine Erfahrungen, auf welchem Gebiet sie auch immer gewesen sein mögen, allem voran setzt, und sich weigert neue Erkenntnisse seinen Erfahrungen gegenüberzustellen und mit einzubeziehen. Wann immer es einem Land gelingt, einen so gearteten Führer an der Spitze zu haben, kann es sich glücklich schätzen und dann wünsche ich ihm nur noch eins; dass er ausgerüstet mit diesen Fähigkeiten allen Versuchungen widersteht und sich am Ende nicht durch die ihm gegebene Macht korrumpieren lässt.
Freitag, 24. Oktober 2008
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