Es ist Herbst, die Zugvögel fliegen in den Süden in wärmere Gefilde, die Natur beginnt sich zur Ruhe zu legen, nicht so die Rentner, sie werden mit günstigen Sonderangeboten in die Ferne gelockt und folgen den Zugvögeln, weg vom drohenden Winter. Manche brechen sogar auf und ziehen auf die andere Seite des Globus in den dort anbrechenden neuen Frühling. Und wenn dann das neue Jahr auf unserem Kontinent anbricht, dann kehren sie zurück in einen erwachenden Frühling. Aber so viele Frühlinge verkraftet ein alter Mensch nicht so einfach, er wird Frühjahrs-müde.
Wenn es nun so ist, dass wir sowieso sterben müssen und dass wir überhaupt keinen Einfluss darauf haben, wann das sein wird, dann lasst uns doch in der Zwischenzeit den Rest unserer Tage genießen.
Ja und dann genießen wir. Unsere Vorfahren hatten noch ein starkes Verantwortungsgefühl und waren bestrebt, den nach ihnen kommenden Generationen etwas zu hinterlassen. Wir sind da weitaus egoistischer. Wir sagen uns: Sie sind gesund und kräftig, die können unter den gegebenen Umständen durchaus für sich selber sorgen. Sie geben uns ständig zu verstehen dass sie groß sind, dass sie Verstand haben, dass sie alle Probleme selber lösen können, dass sie unsere schlauen Ratschläge nicht benötigen. Das macht uns trotzig und wir meinen dann, nun denn, sollen sie sehen wie sie ihr Leben meistern.
Die enge Bindung zwischen Eltern und Kindern bricht mit zunehmendem Alter immer weiter auf. Die Eltern fühlen sich nicht mehr verantwortlich für die Kinder, aber die Kinder fühlen sich auch nicht verantwortlich für die Eltern. Die Eltern haben nicht mehr automatisch einen Rückhalt bei den Kindern; sie wissen genau, wenn sie hilflos werden müssen sie auf die Hilfe des Staates und die eigenen Möglichkeiten zurückgreifen und das bringt sie eben zu der Einstellung, dass, was sie an Mitteln haben dafür einzusetzen, so viel vom Alter wie nur irgend möglich auszuschöpfen.
Und so reisen sie in Länder, die für unsere Vorfahren oft nur mystische Traumländer waren. Sie reisen in die Türkei, sie reisen nach Italien, sie reisen nach Griechenland nach Ägypten nach Amerika nach China und Japan. Sie haben am Ende ihres Lebens oft mehr gesehen, als je eine Generation vor uns.
Aber was haben Sie eigentlich gesehen? Sie haben doch nur einen kleinen Ausflug auf unserem Planeten machen können. Zugegeben es lohnt sich schon, es gibt wirklich viel zu sehen und zu bewundern, aber was bringt uns das? Was machen wir denn in den fremden Ländern? Wir lassen uns herausragende Denkmäler, Kirchen, Museen zeigen. Wir amüsieren, bewundern, begeistern uns über die Art, wie sich die Einheimischen ernähren, nehmen davon vieles mit nach Haus. Wir sehen ihr Leben, ihrer Armut, ihre Leiden vor uns ablaufen wie ein Theaterstück. Wir haben kein schlechtes Gewissen. Wir haben ja Eintritt bezahlt. Irgendwer profitiert davon. Wir sind die berühmten Touristenschwärme, die man melkt, ausquetscht und mit leeren Taschen nachhause schickt aber selten versteht.
Woran liegt das? Weil wir sehen und nicht begreifen und verstehen. Wir haben ja gar keine Zeit, uns in das Leben der fremden Länder hinein zu denken, in die wir reisen. Gebäude, die Städte, die historischen Stätten, sie alle wurden gebaut von den Bewohnern, Menschen dieser Länder. Nur ganz selten verstehen wir ihre Sprache, können uns mit ihnen nicht unterhalten, also werden wir sie auch nicht verstehen. Und doch kommen wir nachhause mit dem Gefühl etwas Großes erlebt zu haben, berichten unseren Freunden was wir gesehen haben. Sie beneiden uns, uns die Weltenbummler.
Dabei sind wir doch nur arme Sammler. Was uns von unseren Weltreisen bleibt ist eine Unmenge von Diapositiven, die bei denen heute uns zugänglichen Bildern aus aller Welt keiner mehr sehen will. Für die Zuschauer ist es langweilig, denn sie bekommen das Parlament, das Haus des Ministers, den Vatikan, den Eiffelturm und und und und zu sehen. Damit können sie nichts anfangen.
Warum tun wir uns das an? Es ist die Rastlosigkeit, die uns treibt, der ständige Termindruck unter dem wir stehen, hinter dem oft unausgesprochen die bange Frage steht, wer weiß, wie lange wir das noch können. Es ist die Angst vor der Langeweile. Zuhause sitzen, die Wände anstarren und draußen pulsiert das Leben, lockt verführerisch. Wir haben Angst etwas zu versäumen. Es ist die ständige Neugier auf etwas, das wir verstehen wollen aber selten begreifen können, darum machen wir eben ein Foto, schon als Beweis das wir waren da. Aber das Foto reicht nicht, es ist nur Beweis, wenn wir sehen, dass vor jedem Gebäude die liebe Gerda sitzt, steht, lacht oder einem armen Bettler eine Münze spendiert. Auf die Art und Weise wird auch noch Wohltätigkeit dokumentiert.
Auch das reicht uns aber nicht immer, wir sammeln fleißig weitere Beweisstücke; eine Vase mit dem Abbild des Papstes, ein geschnitzter Elefant von der Elfenbeinküste, einen Poncho aus Südamerika und was dergleichen überflüssiges dann später alles in den Regalen verstaubt. Aber diese Beweisstücke sind ja lediglich auch nur im Zusammenhang mit den entsprechenden Fotografien beweiskräftig. Vieles davon kann man heute schon auf allen Flohmärkten kaufen.
Das bringt mich schließlich zu der Frage: Warum nicht gleich auf den Flohmarkt gehen? Gleich ein paar Bücher aus fremden Ländern mitbringen, zuhause bleiben, den Poncho überwerfen und es sich hinterm warmen Ofen gemütlich machen, wenn es draußen schneit.
Wie wäre das, und im nächsten Jahr gut informiert in den Urlaub fahren?
Dienstag, 21. Oktober 2008
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1 Kommentar:
Schön zu wissen, daß echte Querdenker auch im hohen Alter ihre Denkweise nicht verlernen. Fritz und Fritz das passt gut. Lithograph und Schriftsetzer auch.
Fritz aus München
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